Vom optischen zum elektronischen Sucher – Teil 2

Im ersten Teil dieser Serie wurden auch Kameras vorgestellt, die zwei Sucher haben - damit konnte man je nach Umgebung oder Vorliebe aussuchen, welches Hilfsmittel man zur Objektbetrachtung und Bildgestaltung nehmen wollte. Die frühen Kameras waren groß und hatten somit genügend Platz für unterschiedliche Systeme. Ganz anders bei den Kleinstbildkameras, die nach Ende des Zweiten Weltkriegs bei den Amateuren immer beliebter wurden; die Modelle waren hosentaschentauglich und die Filme billig. Beliebt waren in Japan die so genannten Hit-Kameras - einfache aus Blech gestanzte Teile mit lichtschwacher Optik und Zwei-Zeiten Meniskus Verschluss, in die ein Mini-Rollfilm mit 14x14mm Negativformat eingelegt wurde. Doch es gab auch Modelle mit besserer Ausstattung, d.h. fokussierbares Objektiv, einstellbare Verschlusszeiten und mehrere Blenden. Ein besonderes Highlight ist die Tone von 1948, hergestellt von Toyo Kogaku. Sie hat einen Durchsichtsucher und zusätzlich auf der Oberseite einen Brillantsucher!

Dem schon seit einiger Zeit beliebten Fernrohrsucher (umgekehrtes Galilei-Prinzip) fehlte die Möglichkeit einer exakten Bildfeldbegrenzung, da die Ränder nicht scharf abgebildet wurden. Darüber machte sich der Niederländer Lieuwe Evert Willem van Albada, der sich viel mit stereoskopischen Verfahren beschäftigte, Gedanken und meldete 1928 einen Sucher für fotografische Kameras zum Patent an (US 1.678.493). Dabei schlug er unterschiedliche Möglichkeiten vor, einen scharf begrenzten Fleck oder Rahmen so in den Sucherstrahlengang einzubringen, dass er sich mit dem Blick auf das Objekt überlagerte.

Sein Vorschlag beschreibt ein zweiteiliges Suchersystem, dass aus einer planen und einer gekrümmten Seite besteht. Diese kann entweder aus Scheiben mit unterschiedlichen Durchmessern gebildet werden oder aus einer halbdurchlässigen Kittfläche bestehen. Die erste Lösung hat er in Fig.1 bis 4 seiner Patentzeichnung skizziert, die zweite Lösung in Fig.5 und 6. Eine Variante für einen Einblick von oben zeigt die Fig.7. In der Praxis durchgesetzt hat sich die Lösung mit der teildurchlässigen Kittfläche, die einen Hohlspiegel bildet. Die auf der dem Betrachter zugewandten Seite aufgebrachten Suchermarken liegen dabei im Brennpunkt des Hohlspiegels. Dem Auge des Betrachters erscheinen diese als in der Entfernung „unendlich" befindlich.

Im Gegensatz zum Fernrohrsucher wird der Bildwinkel nicht verkleinert, sondern das Sucherbild erscheint in Originalgröße, oder anders ausgedrückt die Suchervergrößerung ist 1:1. Für den Betrachter hat dies den entscheidenden Vorteil, dass er kein Auge zudrücken muss, sondern beim Blick durch den Sucher beide Augen geöffnet sein können. Van Albada hatte gute Beziehungen zu Carl Zeiss in Jena und so finden sich die ersten nach ihm benannten Sucher im Zubehörprogramm für frühe Contax Kameras. Eine schöne Zusammenstellung unterschiedlicher Modelle findet man auf Webseite der photographischen Gesellschaft in Malaysia (s. weiterführende Links). Diese Sucher sind recht groß und benötigen viel Licht, um den eingespiegelten Rahmen zu beleuchten. Will man sie daher in Kleinbildkameras einbauen, braucht der komplette Glasklotz viel Platz, wie man z.B. an einer Nikon S3 erkennen kann. Doch später vereinfachte man das Konzept, indem man den Glaskörper durch eine einfache Glasplatte mit Rahmen ersetzte und dabei auch eine geringere Suchervergrößerung als 1:1 in Kauf nahm. Durch die nun zusätzlichen Glas-/Luftflächen verlor der Sucher auch Einiges an Brillanz. Dennoch wurde dieser Typ in vielen Kompaktkameras der 1950 - 1970er Jahre eingesetzt.

Die beiden deutschen Hersteller Zeiss und Leitz haben sich seit Mitte der 1930er Jahre um die Integration des Entfernungsmessers in den Sucher verdient gemacht. Er arbeitet nach dem Prinzip des Messdreiecks: von den Endpunkten einer Basis bekannter Länge werden die Winkel gemessen, unter denen ein bestimmter Punkt des Motivs (Zielpunkt) erscheint. Ist einer der Messwinkel ein rechter Winkel bilden die Basislänge und der zweite Messwinkel ein Maß für die Entfernung des Zielpunktes. Der Entfernungsmesser besitzt zwei Einblicksöffnungen, wobei deren Abstand die effektive Basislänge bildet; es gilt: je länger desto genauer. Einer dieser Einblicke ist wie ein normaler Sucher ausgebildet, enthält jedoch einen aus zwei Prismen zusammen gekitteten Glaswürfel. Die Kittfläche ist wie beim Albada Sucher teilverspiegelt. Auf diese Fläche wird das vom zweiten Einblick her kommende Bild des Objekts gespiegelt und kann sich für den Betrachter mit dem Sucherbild überlagern. Je nach Winkel sind die beiden Teilbilder verschoben und müssen zur Deckung gebracht werden. Die dafür erforderliche Verschwenkung des Spiegels oder Prismas am zweiten Einblick ist das Maß für die richtige Entfernungseinstellung. Die Systeme der Contax und Schraub-Leicas sind konstruktive Meisterstücke und in ihrer Genauigkeit unübertroffen. In der Variabilität allerdings war ihnen der japanische Hersteller Canon voraus, denn schon 1949 mit Einführung der Canon IIB gab es die verstellbare Suchervergrößerung, zwar noch ohne Bildfeldbegrenzung, aber immerhin konnte man ein 100er oder 135er Teleobjektiv ohne zusätzlichen Aufstecksucher verwenden.

Die Idee der Canon Entwickler ist einfach und wirkungsvoll - in das Suchersystem integriert ist eine um 180 Grad drehbare Platte, auf der eine konkave und eine konvexe Linse befestigt sind. So gibt es drei mögliche Positionen. Entweder fällt das Licht zuerst durch die konkave und danach durch die konvexe Linse - oder umgekehrt. Ist die Platte lediglich um 90 Grad gedreht, befindet sich keine Linse im Strahlengang, und so ergibt sich die dritte Position.

Die räumliche Trennung von Suchereinblick und optischer Achse ergibt bei geringen Aufnahmeabständen eine Parallaxe, d.h. der Bildausschnitt stimmt nicht mit dem Bild überein, das auf den Film gelangt. Ein Problem, das man bei Spiegelreflexkameras nicht kennt, aber bei Sucherkameras auf unterschiedliche Weise lösen kann. Einfache Kameras haben im Sucher entsprechende Marken, die den Versatz des Bildausschnitts anzeigen. Bei höherwertigen Kameras ist der Leuchtrahmen selbst beweglich. Das funktioniert natürlich nicht bei einem Albada Sucher mit fest aufgebrachten Rahmen. Bringt man jedoch den Rahmen auf einer neben dem Sucher platzierten Glasplatte an und lenkt ihn mittels Prismen oder Spiegel so um, dass er sich im Strahlengang befindet, kann diese beweglich ausgeführt sein, um die Parallaxe auszugleichen. Eine vor der Sucherplatte angebrachte diffuse Abdeckung sorgt für die entsprechende Beleuchtung des Rahmens. Dieses dritte Fenster findet man so an vielen Messsucherkameras. Derartige Leuchtrahmensucher gab sogar bei einer Instamatic Kamera - die Nizo 1000 von Braun hat eine derartige Anordnung. Bei kleineren Kameras ist auch schon mal das Fenster für den Entfernungsmesser in die diffuse Abdeckung integriert. Und mehr noch - kombiniert man den Rahmen mit einer Skala für den Belichtungswert und positioniert die Nadel des Belichtungsmessers entsprechend, kann beides zusätzlich im Sucher sichtbar sein.

Bei Kameras mit Wechselobjektiven benötigt man unterschiedliche Leuchtrahmen. Natürlich kann man alle Leuchtrahmen gleichzeitig im Sucher anzeigen, so wie das bei vielen einfacheren Amateurkameras gemacht wurde. Aber das ist eher störend im Sucherbild. Die Leica M3 von 1954 hat dieses Problem sehr elegant gelöst, indem die Sucherrahmen wechselseitig angezeigt werden. Ist ein Elmar oder Summicron mit 50 mm Brennweite der angesetzt, wird nur dieser Leuchtrahmen angezeigt. Wechselt man es gegen ein 90er oder 135er Teleobjektiv aus, erfolgt automatisch(!) die Zuschaltung der entsprechenden Bildfeldbegrenzung. Das ist ein Vorteil gegenüber den Wettbewerbsmodellen von Canon und Nikon, bei denen die Umschaltung von Hand erfolgen muss. So wurde Leica M3 ein Erfolgsmodell und in viel größeren Stückzahlen verkauft als die Canon 7 oder die Nikon SP, die ein paar Jahre danach auf den Markt kamen.

Nach dem Ende von Zeiss Ikon hatte die japanische Firma Kyocera die Namensrechte übernommen und so gab es 1984 wieder ein Contax Kleinbildkamera - T heißt sie und ist aus einem hochwertigen Metallgehäuse hergestellt. Das Design stammt von FA Porsche und - wie es sich für eine Contax gehört - hat sie auch einen eingebauten Entfernungsmesser. Das Sucherbild ist hell und klar; die Anzeige der zu erwartenden Belichtungszeit ist auch bei schlechten Lichtverhältnissen gut zu erkennen, denn anders als der Leuchtrahmen wird sie durch rote LED's angezeigt. Das war ein Novum für eine Messsucherkamera.

Im nächsten Teil wird über die Entwicklung der Spiegelreflexsucher berichtet.   

Weiterführende Links:

http://www.mir.com.my/rb/photography/companies/nikon/nikkoresources/RF-Nikkor/Contax_RF/Zeiss-Finders1.htm

 

 


Eingetragen 2013-02-27 21:17 von Harald Schwarzer  

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Kommentare

nobile schrieb re: Vom optischen zum elektronischen Sucher – Teil 2
auf 2013-03-06 22:25

Feine Zusammenstellung, habe ich doch große Teile der Entwicklung

miterlebt und ausprobiert. Danke für diese Serie.