Canon vs. Nikon (Teil 5) – erste Versuche mit Still Video

Wenn wir heute Kameras nach ihrem Aufnahmemedium unterscheiden, sprechen wir in der Regel von analogen oder digitalen Modellen. Richtiger wäre eigentlich die Einteilung in filmbasierte und filmlose Aufnahmesysteme, denn in der technischen Entwicklung gab es vor ca. 25 Jahren analoge Digitalkameras. Still Video hieß das und war das Zauberwort auf der photokina 1986 - führende japanische Hersteller (Canon, Fuji, Konica, Minolta, Nikon und Panasonic) präsentierten erste Prototypen, die den Film ersetzen sollten. In der Samstagsausgabe der Tageszeitung DIE WELT vom 6.9.1986 beschreibt Werner Neitzel seine Eindrücke vom Messerundgang in Köln: "Zur Serienreife entwickelt und in Japan bereits auf den Markt gebracht hat Canon ein derartiges Still Video System (RC-701); in der Hand liegt die Kamera wie eine etwas zu groß geratene Spiegelreflexkamera. Herz dieser für Wechselobjektive ausgelegten Kamera ist ein sogenannter (digitaler) Bildwandler, also ein winziger Chip, der in der Lage ist, das aufzunehmende Bild in 380.000 einzelne Bildelemente (Pixel) zu zerlegen. Diese Bildinformationen werden (als analoge Signale) auf eine Zündholz-Briefchen große Diskette übertragen und dort gespeichert. Die leicht einzulegende Diskette ist in der Lage, 50 Bilder zu speichern und kann diese über einen entsprechenden zusätzlichen Recorder ohne Weiterverarbeitung zur sofortigen Betrachtung auf einem Bildschirmgerät weitergeben. Neben dem raschen Zugriff auf das Bild (also eine neue Form des Sofortbildes) beeindruckt das Still Video System mit der Möglichkeit, dass das Bild per Telefon und Übermittlungsgerät (Akustik Koppler) innerhalb kurzer Zeit an jeden Ort der Welt gesendet werden kann." 

Ausgelöst hat diesen Entwicklungsschub ganz sicher die Vorstellung der Mavica (magnetic video camera) am 25.8.1981 auf einer weltweiten Pressekonferenz durch Sony - der damalige Geschäftsführer Akio Morita versprach, dass die Kamera in 18-24 Monaten in den Verkauf gelangen sollte; er erwartete einen Marktpreis von etwa 850 US Dollar. Daraus wurde nichts, denn es blieb beim Prototyp und die Ur-Mavica kam niemals auf den Markt. Das größte Problem war die selbst für grobgerasterte Zeitungsfotos viel zu geringe Auflösung.

Aber die etablierten Kamerahersteller waren aufgewacht und so hatte Canon schon im Oktober des gleichen Jahres eine Task Force aufgestellt, um ein Konkurrenzprodukt zu entwickeln. Die Autoren der History Seite im Camera Museum beschreiben die weiteren Aktivitäten. Sie hatten zum Ziel, bis zu den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles ein funktionsfähiges System für die Aufnahme von Farbbildern vorzustellen. Die Anfrage kam von der japanischen Tageszeitung Yomiuri Shimbun und das Canon Entwicklungsteam hatte lediglich 10 Monate Zeit, das komplette Übertragungssystem zu entwickeln. Dazu gehörten auch die gesamte Dokumentation und das Training der Fotografen. Allerdings klappte während der Übertragung des olympischen Marathonlaufes die Verbindung über das mobile Autotelefon nicht, sodass man auf das öffentliche Festnetz ausweichen musste. Letztendlich waren die Feldversuche erfolgreich und Canon konnte zur photokina 1986 die erste kommerziell erhältliche Kamera (RC-701) auf den Markt bringen. Aber das bedeutete für die Redaktionen schon eine erhebliche Investition: 8.000 DM kostete die Kamera, 10.000 DM der Recorder und 40.000 DM das Übertragungsgerät. Natürlich wurden auch die Entwickler bei Nikon von den Presseleuten bedrängt etwas Gleichwertiges zu entwickeln, aber mehr als einen ersten Prototyp gab es seinerzeit noch nicht. Erst 1988 produzierte Nikon endlich eine Kleinserie von 100 Still Video Systemen (QV-1000C) und lieferte sie exklusiv an die Zeitungsredaktionen dieser Welt. Warum es so lange dauerte, kann man auf der Nikon Webseite nachlesen (s. weiterführende Links). Die Entwickler legten größten Wert auf höchste Auflösung und brachten deshalb - im Unterschied zu Canon - auch nur eine monochrome Version auf den Markt. Denn der Satz "taken by still video camera made by Xxxxx", der quasi als Entschuldigung unter den Zeitungsfotos stand, sollte unter einem Bild, das mit der QV-1000C aufgenommen wurde, nicht zu lesen sein.

hinten: QM-100 Adapter, QV Tele-Zoom - vorne: Floppy Disk + Löschgerät (Foto: Harald Schwarzer)QV-1000C in der Vitrine des Espace Nikon in Paris (Foto: Harald Schwarzer)

Beide Kameras sind reinrassige Spiegelreflexkameras mit Rückschwingspiegel, Metallschlitzverschluss, hellem Mattscheibensucher und Schnittbildindikator - das Design und die Bedienungselemente der Nikon orientieren sich an der F4. Die Canon Ingenieure bauten das Suchersystem in umgedrehter Position ein, sodass aufgrund der geringen Größe des Spiegelkastens die Gehäuseoberseite flach ist. Beide Kameras sind professionell verarbeitet und können mit speziellen Wechselobjektiven (manuelle Fokussierung) bestückt werden; mittels entsprechender Adapter lassen sich auch Canon FD-Optiken bzw. Nikkor AI-Optiken anschließen. Wegen des 2/3" CCD-Sensors beträgt der Crop-Faktor beträgt dann 4x. Als Speicher wird eine 2" Diskette verwendet, die mit 60 Umdrehungen pro Sekunde rotiert und - je nach Modus - 30 Vollbilder oder 60 Halbbilder speichern kann (nach der amerikanischen NTSC Norm). Im europäischen PAL Standard sind das 25 Voll- oder 50 Halbbilder bzw. Frame- oder Field-Aufzeichnungen. Jedes Halbbild braucht zur Aufzeichnung eine ganze Spurwindung auf der Diskette (ein Vollbild dementsprechend zwei). Neben dem analogen Videosignal sowie Bild- und Spurnummern können auch Datum, Uhrzeit, Blende und Belichtungsparameter gespeichert werden. Die Aufzeichnungstechnik bei Still Video unterscheidet sich von der in Heim Videorekorder erheblich. Das Luminanzsignal (also die Helligkeitsinformation) wird breitbandig bis ca. 10 MHz aufgezeichnet und dazu separat die beiden Farbdifferenzsignale (Chrominanz) R - Y und B - Y (nur Canon Modelle, denn die Nikon Kamera liefert ja nur monochrome Bilder). Die horizontale Bildauflösung liegt im Bereich von 400 bis 500 Zeilen.

1988 wurde der Hi-Band Standard entwickelt und Canon präsentierte das Nachfolgemodell seiner ersten RC Still Video - die RC-760 mit dem gleichen 2/3" CCD Sensor aber jetzt 600.000 Pixeln Auflösung. Das Interesse sei "enorm hoch", berichtete damals Werner Ortner von der Canon Euro Photo GmbH, "der Absatz jedoch noch nicht im dreistelligen Bereich". Neuester Kunde sei das Fußball-Blatt Kicker. Rechtzeitig zur Europameisterschaft 1988 hängten sich die Kicker Reporter Still Video Kameras um und schickten die Torbilder direkt von der Telefonzelle neben dem Stadion per Akustikkoppler in die Redaktion.

Canon RC-760 (Foto: Harald Schwarzer) Canon RC-760 + Standard Zoom Optik (Foto: Harald Schwarzer)

Canon RC-760 Rückseite (Foto: Harald Schwarzer)Canon RC-760 - Fach für Video Floppy Disk (Foto: Harald Schwarzer)

Und was machte der Hersteller der Ur-Mavica Sony ? Er brachte 1990 ein professionelles System auf den Markt (MVC 5000), das zur Verbesserung der Bildqualität und zur getrennten Aufzeichnung von Luminanz- und Chrominanz-Signalen 2 CCD Sensoren hatte (weiterführende Links).

Der norwegische Nikon Sammler Jarle Aasland würde sicherlich - genau wie ich - auch eine Sony Mavica 5000 in seine Sammlung aufnehmen. Derzeit hat er lediglich den Canon und Nikon Still Video Kameras ein ausführliches Kapitel auf seiner Homepage gewidmet (s. weiterführende Links) - dort habe ich den Hinweis gefunden, dass sich eine von zwei nach Frankreich gelieferten QV-1000C Ausrüstungen in der Vitrine des "Espace Nikon" Trainingzentrums in Paris, Boulevard Beaumarchais, befindet. Bei einem Besuch im letzten Herbst hatte ich die Gelegenheit, die Ausstellungsstücke zu fotografieren.

 

Canon RC-701

Canon RC-760

Nikon SV Prototyp

Nikon QV-1000C

Jahr

1986

1988

1986

1988

CCD Chip

x

x

x (monochrom)

x (monochrom)

Größe

2/3 "

2/3 "

2/3 "

2/3 "

Auflösung (Pixel)

380.000

600.000

300.000

300.000

ISO

200 ASA

200 ASA

100 ASA

400/800/1600 ASA

Verschlusszeiten

1/8 - 1/2000 sec

1/8 - 1/2000 sec

?

1/8 - 1/2000 sec

Belichtungsautomatik

P, A, M

P, A, M

?

P, A, S, M

Aufnahmefrequenz

2, 5, 10 B/sec *)

2, 5, 10 B/sec *)

?

4, 20 B/sec *)

Wechselobjektive

1:1,8 / 6 mm

1:1,2 / 11-66 mm

1.2,8 / 50-150 mm

1:1,8 / 13-52 mm

1:1,6 / 6 mm

1:1,4 / 10-40 mm

1:1,4 / 10-40 mm

1:2,0 / 11-120 mm

Objektivbajonett

SV

SV

QV

QV

Objektivadapter

LA-RC

LA-RC

?

QM-100

Abmessungen

B x T x H (in mm)

162 x 51 x 101

162 x 51 x 101

?

?

Gewicht (o. Objektiv)

995 g

975 g

?

950 g

*) = bei hochgeklapptem Spiegel

 

Weiterführende Links:

http://imaging.nikon.com/products/imaging/technology/cousins/cousins16-e/index.htm

http://www.nikonweb.com/

http://www.digitalkamera.de/Meldung/Sony_fuer_Profis__Mavica_Cyber_shot_und_alpha/5122.aspx


Eingetragen 2009-04-29 17:32 von Harald Schwarzer
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